FLORIAN HESSEN, Ausgabe 1/2018

8 FLORIAN 1 | 2018 TITELGESCHICHTE „Wir brauchen Kümmerer und Spezialisten.“ Interview mit Professor h. c. Reinhard Ries F RANKFURT Prof. h. c. Reinhard Ries, seit fast 25 Jahren Chef der Berufsfeuerwehr Frankfurt am Main, geht im März 2018 in den Ruhestand. Im Interview blickt der Diplom-Ingenieur auf die zentralen Themen seiner Amtszeit zurück und benennt die Herausforderungen der Zukunft. H ERR P ROFESSOR R IES , DER A UFTRAG DER F EUERWEHREN HAT SICH WÄHREND IHRER A MTSZEIT NICHT GRUNDLEGEND GEWANDELT . W IE VERHÄLT SICH DAS MIT DEN E INSÄTZEN IN DEN LETZTEN 25 J AHREN ? Die Feuerwehr ist die Einheit, die zur Stelle ist, wenn der Bürger in Not gerät – das gilt für damals wie für heute. Unser Einsatz- spektrum ist ein Spiegel der Gesellschaft. Diese wird immer kom- plexer, und darauf gilt es zu reagieren. Insofern wachsen unsere Aufgaben ständig, sowohl quantitativ als auch qualitativ. Das zeigt sich gut an den neuen Bedrohungslagen der heutigen Zeit. Um sich darauf einzustellen, muss die Feuerwehr ihre Einsatz- konzepte, Taktiken und Strategien ändern oder sie zumindest an- passen. Denn mögliche Einsätze mit Gift, Sprengstoffen und Ähnli- chem mussten vor ein paar Jahren so noch nicht diskutiert werden. Hinzu kommen unsere täglichen Aufgaben wie Brandeinsätze, Rettungsdienste usw., die sich ebenfalls geändert haben. Die heutigen Feuerwehr- und Rettungswagen sind im Vergleich – zu denen vor 25 Jahren – Hightech. Um diese überhaupt fahren zu können, ist ein Vielfaches an Anforderungen und Ausbildungen erforderlich. S IND BEI DER F EUERWEHR ALSO IMMER MEHR S PEZIALISTEN GEFRAGT ? Ja, und das gilt für alle Bereiche – ob Leitstelle oder Rettungs- dienst, Höhenrettung oder Tauchereinsätze. Mit den Allround-Feuer- wehrangehörigen von früher ist das nicht mehr vergleichbar. Und damit steigt natürlich der finanzielle Aufwand, zumal die Stadt Frankfurt stetig wächst: Zu meinen Anfangszeiten hatte sie gut 100.000 Einwohner weniger. Die Dimensionen steigen insgesamt, auch durch Großprojekte wie das Terminal 2 am Flughafen oder den EZB-Neubau. Das ist ein Dschungel geworden, den es zu be- herrschen gilt – und genau das ist auch reizvoll. Morgens steht zum Beispiel eine Strategiebesprechung zum Rettungsdienst an, mittags geht es um Brandschutz in der Europäischen Zentralbank und abends ist womöglich Gefahrgut auf der Autobahn ausgelau- fen. Langweilig wird es in unserem Job definitiv nicht. Nach fast 25 Jahren ab März im Ruhestand: Professor h. c. Reinhard Ries, Leiter der Branddirektion Frankfurt. W AS BEDEUTEN ALL DIESE V ERÄNDERUNGEN FÜR I HREN F ÜHRUNGSSTIL , WENN S IE ZUNÄCHST DIE A NFANGSJAHRE IN F RANKFURT BETRACHTEN ? Zu Beginn musste ich etwas härter durchgreifen, da die Frankfur- ter Feuerwehr ehrlich gesagt nicht besonders gut aufgestellt war. Vor allem herrschte eklatanter Personalmangel und politisch war ein weiterer Personalabbau erwünscht. Dann kam, kaum 14 Tage nach meinem Amtseintritt, der „Gelbe Regen“ in Gries- heim herunter. Der da- malige Mammut-Einsatz rund um den Chemie- unfall stand in keinem Lehrbuch: Zwischen „Drei Stadtteile evakuieren!“ und „Einmal Auto waschen reicht!“ wurde alles dis- kutiert. Die Feuerwehr musste die Situation in den Griff bekom- men. Spätestens nach diesen Tagen war ich im knochenharten Management angekommen. Dadurch erhielt ich die große Chance, Ziele und Entwicklungspläne gegenüber dem Magistrat der Stadt Frankfurt formulieren zu können, die beim damaligen Dezernenten, „Unsere Führungs- kräfte arbeiten sehr eigenständig“

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